Zwei Wochen bis zum Patch. Eine Nacht bis zum Angriff.
Von: Sebastian Berger
Es ist Dienstag, kurz nach 19 Uhr.
Bei dir sind die meisten Büros dunkel. In der IT läuft die Spätschicht. Eine Meldung trifft ein. Ein Hersteller hat ein wichtiges Sicherheitsupdate veröffentlicht. Die IT prüft die betroffenen Systeme und bereitet die nächsten Schritte vor.
Alles läuft nach Plan.
Bis auf mich. Ich bin kein Teil davon.
Während deine Leute prüfen und testen, sammle ich Informationen. KI-gestützte Werkzeuge helfen mir, große Datenmengen zu durchsuchen und Hinweise zusammenzuführen. Prozesse, die vor zwei Jahren Wochen benötigt hätten, kosten mich nur noch Stunden. Dein Patchday ist in zwei Wochen. Mein Coup bei dir – in einer Nacht.
Aufwand und Nutzen spielen mir in die Karten
Ein Angriff ist eine Investition. Zeit und Ergebnis müssen sich lohnen. Ich suche deshalb nach Zielen, bei denen mein Aufwand gering bleibt.
Ich beherrsche mein Handwerk. KI macht mich nur schneller und unberechenbarer. Analysearbeit lässt sich beschleunigen. Datenbestände können automatisiert durchsucht werden. Früher konnte ich nur ein, zwei Ziele betrachten und analysieren, heute skaliere ich über Agents in die Breite.
Deine Altlasten sind meine Türöffner
Während du auf neue Bedrohungen blickst, suche ich nach alten Fehlern.
Nach Anwendungen, die seit Jahren ihren Dienst tun. Nach Code, den niemand mehr öffnet. Nach Systemen ohne Herstellersupport. Nach Maschinen, die niemand anfassen möchte, weil sie geschäftskritisch sind und bisher funktioniert haben.
Solche Altlasten bleiben, weil ihre Ablösung teuer ist oder andere Projekte Vorrang haben. Manchmal fehlt schlicht jemand, der die Verantwortung für die Ablösung übernimmt.
Für mich reicht eine verwertbare Schwäche. Ein System ohne Support muss isoliert, ersetzt oder abgeschaltet werden. Aus einer technischen Altlast wird mein Eingang in deine Firma.
Deine Prozesse arbeiten für mich
Du denkst, dass deine Systeme gepflegt sind und deine IT sorgfältig arbeitet. Mein Vorteil – ich weiß Dinge, die sie noch nicht weiß, denn ich muss keine Rücksicht auf den laufenden Betrieb nehmen.
Wird eine neue Bedrohung bekannt, muss deine IT die betroffenen Systeme identifizieren. Sie muss Auswirkungen prüfen und eine Maßnahme testen. Bei geschäftskritischen Systemen kommen Freigaben hinzu.
Ein fehlerhaftes Update kann einen Produktionsprozess ebenso lahmlegen wie ein Angriff. Das muss also sein.
Du musst testen. Ich kann ausprobieren. Du musst das Betriebsrisiko berücksichtigen. Ich kann einen gescheiterten Versuch verwerfen. Deine Admins brauchen im Zweifel eine Entscheidung. Ich brauche keine.
Das kritische Zeitfenster liegt deshalb nicht zwingend zwischen einer Schwachstelle und ihrem Patch. Es kann zwischen Erkenntnis und Entscheidung liegen.
Wenn die Technik hält, wechsle ich den Angriffsvektor
Vielleicht ist deine Technik besser geschützt, als ich erwartet habe. Das ist nicht schlimm. Ich habe längst die öffentlichen Auftritte deiner Geschäftsführung im Archiv. Eine Sammlung aus Sprachaufnahmen, Videomaterial und Informationen über Abläufe im Unternehmen.
Danach brauche ich womöglich keinen technischen Zugang mehr. Nur eine Person, die einer bekannten Stimme vertraut.
Kurz vor Feierabend erhält sie eine dringende Zahlungsanweisung. Stimme und Gesicht passen. Die Geschichte, warum der normale Prozess ausnahmsweise umgangen werden soll, klingt plausibel.
Deine Firewall und Virenscanner sind machtlos. Mein Coup ist geglückt.
Was von der Geschichte übrig bleibt
Bis hierhin war der Angreifer eine Erzählfigur. Die beschriebenen Mechanismen lassen sich jedoch an konkreten Fällen beobachten.
Beim Betrugsfall gegen Arup veranlasste ein Mitarbeiter nach einer Videokonferenz mit vermeintlichen Kollegen Zahlungen in Millionenhöhe. Anthropic dokumentierte 2025 einen Erpressungsakteur, der mit KI-Unterstützung 17 Organisationen angriff. Der curl-Maintainer Daniel Stenberg berichtete im selben Jahr über KI-gestützte Analysewerkzeuge, die relevante Fehler in altem Code fanden, wenn auch hier auf Seiten der Verteidiger.
Daraus folgt keine neue Klasse autonomer KI-Angriffe. KI verkürzt Arbeitsschritte auf der Seite der Angreifenden. Auf Unternehmensseite bleiben alte Systeme, Testaufwand und Freigabewege bestehen. Genau dort entsteht der Zeitvorteil. Mandiant stellte im M-Trends-Report 2026 allerdings fest, dass 2025 nicht durch von KI verursachten Sicherheitsvorfällen geprägt war. Genau diese Differenzierung ist wichtig: KI ist weder der alleinige Auslöser einer neuen Cyberkrise noch eine automatische Wunderwaffe dagegen. Sie wirkt wie ein Beschleuniger in einer Umgebung, die bereits voller technischer und organisatorischer Schulden ist.
Die Engstelle liegt häufig außerhalb der Technik
Ein CISO kann ein kritisches Risiko identifizieren. Die IT kann feststellen, welche Systeme betroffen und welche Maßnahmen technisch möglich sind.
Schwieriger wird es, sobald die Sicherungsmaßnahme den Betrieb gefährdet. Ein kritisches System muss vielleicht vorzeitig gewartet oder vorübergehend abgeschaltet werden. Dann müssen Security, IT und Fachbereich Risiken gegeneinander abwägen. Dafür braucht es klare Entscheidungsrechte.
Unternehmen sollten deshalb neben der technischen Reaktionszeit auch ihre Entscheidungszeit kennen. Zwischen der Feststellung eines kritischen Risikos und der Freigabe einer Maßnahme können Stunden oder Tage liegen.
Für den Angreifer ist diese Zeit nutzbar.
Gleichzeitig muss man akzeptieren, dass Prävention nicht jeden Vorfall verhindern wird. Dann entscheidet Resilienz darüber, ob aus einem Angriff eine beherrschbare Störung oder ein längerer Stillstand wird.
Sind kritische Systeme voneinander getrennt? Funktionieren die Backups tatsächlich? Sind Wiederanlaufpläne erprobt? Wissen IT, Security, Fachbereiche und Unternehmensleitung, wer im Ernstfall welche Entscheidung trifft?
Technik allein beantwortet diese Fragen nicht. Sie betreffen Prozesse, Zuständigkeiten und Führung.
Die Führung entscheidet über den Zeitvorteil
Die Geschäftsführung muss keinen Patch freigeben. Sie muss vorher festlegen, wer bei einem kritischen Sicherheitsrisiko entscheiden darf und welche Betriebsrisiken dabei akzeptabel sind.
Drei Punkte müssen im Unternehmen geklärt sein:
- Die geschäftskritischen Prozesse und ihre technischen Abhängigkeiten sind bekannt.
- Für kritische Sicherheitslagen gibt es Entscheidungsrechte mit kurzen Freigabewegen.
- Akzeptable Ausfallzeiten und Wiederanlaufverfahren sind festgelegt und getestet.
Im Ernstfall darf die Antwort auf ein bekanntes kritisches Risiko nicht mehrere Hierarchieebenen durchlaufen. Die IT muss wissen, wer entscheiden darf. Die Geschäftsführung muss wissen, welches Betriebsrisiko sie akzeptiert. Diese Klärung muss erfolgt sein, bevor die Frist läuft.
Das Whitepaper „Wenn Hacker KI nutzen“ der heise academy zeigt, wie KI die Angriffsökonomie verändert und welche Konsequenzen daraus für Update-Strategien, Resilienz, Zuständigkeiten und Führung entstehen. Es richtet sich an IT-Leitungen, Security-Verantwortliche und Geschäftsführungen, die ihre Prozesse nicht erst nach dem nächsten Vorfall überprüfen wollen.
Denn die entscheidende Frage ist nicht, ob dein Unternehmen weiterhin patcht, sondern ob dein Zeitplan noch der eigenen Sicherheit dient oder längst den Angreifenden/Cyberkriminellen.
Quellen
Anthropic: Threat Intelligence Report, August 2025 (https://www-cdn.anthropic.com/b2a76c6f6992465c09a6f2fce282f6c0cea8c200.pdf)
Daniel Stenberg: A new breed of analyzers, Oktober 2025 (https://daniel.haxx.se/blog/2025/10/10/a-new-breed-of-analyzers/)
Google Cloud / Mandiant: M-Trends 2026 (https://cloud.google.com/blog/topics/threat-intelligence/m-trends-2026/)
CNN: Arup revealed as victim of $25 million deepfake scam (https://www.cnn.com/2024/05/16/tech/arup-deepfake-scam-loss-hong-kong-intl-hnk)

Über den Autor: Sebastian Berger
Sebastian Berger ist Consultant bei der COMPLION AG und berät Versicherer und Finanzdienstleister zu Digital Compliance, Cybersecurity und KI-Governance. Sein Schwerpunkt liegt auf der praktischen Umsetzung von EU AI Act, DORA und BaFin-Vorgaben. Er verbindet Erfahrung aus Versicherungsvertrieb und Webentwicklung mit vier Jahren als Chief Digital Officer. Als Fachwirt für Versicherungen und Finanzen sowie weitergebildeter CISO betrachtet er KI an der Schnittstelle von Technik, Regulierung und Anwendung. Auf mycatisfat.de kuratiert er zudem mehr als 650 digitale Werkzeuge.

